
{"id":108,"date":"2001-02-24T22:39:46","date_gmt":"2001-02-24T20:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=108"},"modified":"2018-04-16T19:57:32","modified_gmt":"2018-04-16T19:57:32","slug":"was-besonderes-no","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/was-besonderes-no\/","title":{"rendered":"\u201eWas Besonderes? N\u00f6.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Projekt ist einmalig in Europa: In Altona f\u00fchren behinderte und suchtkranke junge Menschen ein Hotel und ein Caf\u00e9. Sie wollen keine Sozialbiotope, sondern Arbeitspl\u00e4tze und Wirtschaftlichkeit \u2013 wie alle anderen auch. Text: Sannah Koch<!--more--><\/p>\n<h2>Presse-, Medienberichte: <\/span>Hamburger Abendblatt <\/h2>\n<p>Die T\u00fcrglocke l\u00e4utet. Der junge Mann nestelt nerv\u00f6s an seiner Krawatte, bevor er etwas unbeholfen \u00f6ffnet. Eine Dame steht da und fragt, wo das Treffen ihres Arbeitskreises stattfinde. Als Antwort h\u00f6rt sie von ihm ein schwer verst\u00e4ndliches Nuscheln und wird freundlich zum Tagungsraum begleitet. Manche G\u00e4ste sind irritiert, wenn Rezeptionist S\u00f6nke Petersen sie in Empfang nimmt. Kaum jemand erwartet schlie\u00dflich, in einem Hotel auf einen behinderten Mitarbeiter zu treffen. Menschen mit k\u00f6rperlichen oder geistigen Beeintr\u00e4chtigungen, so denken viele, geh\u00f6ren nicht in den Service und schon gar nicht an die vorderste Front. F\u00fcr die gibt doch spezielle Werkst\u00e4tten. <\/p>\n<p>Wer so denkt, bringt sich um sch\u00f6ne Erlebnisse. Zum Beispiel um die einmalige Mischung aus Tapsigkeit, Freundlichkeit und Freude, mit der hier im Stadthaushotel der morgendliche Kaffee serviert wird. Claudia Petersen, die ihren Ehemann S\u00f6nke \u2013 den Rezeptionisten von vorhin \u2013  hier im Hotel kennen gelernt hat, hat das Down-Syndrom. Sie kocht morgens mit Inbrunst und Sorgfalt die Fr\u00fchst\u00fcckseier und gie\u00dft den G\u00e4sten f\u00fcrsorglich Kaffee nach. Die Hotelg\u00e4ste haben jedenfalls an der Bedienung der jungen Frau nichts auszusetzen, im Gegenteil. <\/p>\n<p>\u201eDer Service ist hier eher ein bisschen freundlicher als in anderen H\u00e4usern\u201c, meint der Gesch\u00e4ftsmann Werner Therman, der sich regelm\u00e4\u00dfig im Stadthaushotel einquartiert. Vor seinem ersten Besuch hatte er nicht gewusst, dass von behinderten Menschen gef\u00fchrt wird. \u201ewar eine positive \u00dcberraschung\u201c, sagt er, \u201eich w\u00fcrde das Hotel jederzeit weiterempfehlen.\u201c\n<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Meter Luftlinie entfernt in der Max-Brauer-Allee serviert Carsten gerade das Mittagessen im Caf\u00e9 MaxB. Lammfilet mit Pesto, Ruccolasalat mit Schafsk\u00e4se und Strau\u00dfensteak sind nicht nur ein Gaumen-, sondern auch ein Augenschmaus. Sch\u00fclerinnen der benachbarten Erzieherfachschule hocken am Tisch nebenan bei Milchkaffee und Kuchen. Im vergangenen Oktober wurde das Caf\u00e9 er\u00f6ffnet, die G\u00e4ste werden von ehemaligen <span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Junki<\/span> und psychisch behinderten jungen Leuten bedient. Die angehenden Erzieherinnen finden das weder sonderlich aufregend noch bemerkenswert. \u201eIst einfach ein gutes Caf\u00e9\u201c, sagen sie. \u201eWas Besonder? N\u00f6. Davon merkt man nichts.\u201c\n<\/p>\n<p>Soll man auch nicht. Weder das Caf\u00e9 MaxB noch das Stadthaushotel werben mit dem Schild \u201eSozialprojekt\u201c. Hier gehen Menschen schlicht ihrem Broterwerb nach. Einer Arbeit, die zwar speziell auf ihre F\u00e4higkeiten zugeschnitten wurde, die aber nicht in einem extra gesch\u00fctzten Raum stattfindet. <\/p>\n<p>Hier wird n\u00e4mlich hart kalkuliert: Beide Einrichtungen sollen keine sozialen Zuschussprojekte sein, sondern sich wirtschaftlich weitgehend selber tragen. \u201eW\u00fcrde bekommt ein Mensch dadurch, dass er seine Leistung beweisen kann\u201c, sagt Kai Wiese. Er ist Vorstandsvorsitzender von jugend hilft jugend Hamburg, dem Verein, der neben zahlreichen anderen Projekten im Suchtbereich auch Tr\u00e4gerschaft und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Caf\u00e9s und Hotels inne hat. <\/p>\n<p><em>\u201eWir wollen nicht auf der Mitleidsschiene fahren\u201c, betont Kai Wiese, \u201ewir glauben: Mehr erwirtschaften bedeutet mehr Stolz auf die eigene Arbeit.\u201c<\/em>\n<\/p>\n<p>Der 31-j\u00e4hrige Carsten mit dem Pferdeschwanz arbeitet seit der Er\u00f6ffnung des Caf\u00e9s im Service. Vier Jahre lang hatte er Heroin genommen, war an einigen Entz\u00fcgen gescheitert. Seit gut einem Jahr braucht er wegen einer Substitutionsbehandlung kein Heroin mehr. Auch den Ersatzstoff Methadon hat er abgesetzt. Aber noch fehlt es ihm an Selbstvertrauen, ins ganz normale Leben zur\u00fcckzukehren. \u201eIch h\u00e4tte mich nicht getraut, mich irgendwo um einen Job zu bewerben\u201c, sagt er, \u201eman verlernt eine Menge, wenn man lange auf Droge rumh\u00e4ngt.\u201c Jetzt kann er sich ein Jahr lang im Caf\u00e9 MaxB an einen normalen Arbeitsalltag gew\u00f6hnen, dann muss er ihn auch im echten Leben packen. Nur die drei Stellen f\u00fcr die psychisch Behinderten im Caf\u00e9 sind unbefristet; die \u00fcbrigen sechs Jobs sind auf ein Jahr angelegt. Damit keine sozialen H\u00e4ngematten daraus werden.\n<\/p>\n<p>Was in Altona an der Holstenstra\u00dfe und in der Max-Brauer-Allee schon allt\u00e4glich wirkt, ist in Wahrheit noch sehr ungew\u00f6hnlich. \u201eEuropaweit einmalig\u201c nennt Axel Gra\u00dfmann von jugend hilft jugend Hamburg diese Kombination von Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fcr geistig und psychisch Behinderten und Suchtkranke, die sich auf dem Markt zurechtfinden und behaupten wollen. Die meisten Projekte dieser Art funktionieren derzeit noch eher nach dem Prinzip gesch\u00fctzter Werkst\u00e4tten:<br \/>\n  viel Betreuung, viel Schonraum und wenig echte Anforderung. \u201eWir wollen mit dem Stadthaushotel und dem Caf\u00e9 MaxB nicht auf der Mitleidsschiene fahren\u201c, betont Kai Wiese, \u201ewir glauben: Mehr erwirtschaften bedeutet auch mehr Stolz auf die eigene Arbeit.\u201c\n<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 setzt auf qualitativ hochwertige K\u00fcche: F\u00fcr den Mittagstisch kochen zwei K\u00f6che, die in exzellenten H\u00e4usern ausgebildet wurden. Abends bleibt das MaxB vorerst noch geschlossen, kann aber f\u00fcr private oder gesch\u00e4ftliche Gesellschaften, Ausstellungen oder andere Zwecke gemietet werden \u2013 Bewirtschaftung inklusive. <\/p>\n<p>Im Hotel treffen unterdessen um neun Uhr die \u00fcbrigen Mitarbeiter ein. Gunther Fa\u00df, Jens L\u00fcttensee, Dirk Becker und Clemens Paschen, jeder mit Fliege und Jackett bekleidet, machen sich unter den wachsamen Augen von Hotel-Leiter Arezki Krim daran, die Zimmer herzurichten. Betten beziehen, B\u00e4der und Zimmer putzen, die W\u00e4sche aus Hotel und Caf\u00e9 anschlie\u00dfend in der hauseigenen W\u00e4scherei reinigen. Das geh\u00f6rt zu den t\u00e4glichen Aufgaben, die jeder der Mitarbeiter erledigen k\u00f6nnen soll. Krim ermuntert sie, hin und wieder auch Aufgaben an der Rezeption zu \u00fcbernehmen. Selbstverst\u00e4ndlich ist er immer anwesend und schaut nach dem Rechten. <\/p>\n<p>Eigentlich sind die acht behinderten Mitarbeiter im Stadthaushotel auch schon alte Hasen. Sie f\u00fchren das Hotel seit 1993.&nbsp;Damals hatte der Verein \u201eWerkstadthaus Hamburg\u201c, eine Gruppe von Eltern behinderter Kinder, das Hotel mit 111&nbsp;Betten und einer Wohngruppe im Stockwerk dar\u00fcber gegr\u00fcndet. \u201eWir haben inzwischen sehr viel Stammkundschaft\u201c, betont Krim, \u201ewer einmal da war, kommt auch wieder.\u201c Mit einer Auslastung zwischen 50&nbsp;und 60&nbsp;Prozent schrammt das Hotel allerdings noch knapp an der Wirtschaftlichkeit entlang. Spenden halfen bislang, die Defizite auszugleichen. <\/p>\n<p>Das soll sich nun \u00e4ndern. Im nahe gelegenen Neubau von jugend hilft jugend Hamburg sind au\u00dfer dem Caf\u00e9 MaxB unter anderem auch sechs neue Doppelzimmer f\u00fcr das Hotel entstanden. Sie sollen helfen, das Hotel wirtschaftlicher betreiben zu k\u00f6nnen. Weil sich daf\u00fcr aber keine neuen Stellen leisten kann, bedeutet das f\u00fcr die Angestellten mehr Arbeit. <\/p>\n<p>Langfristig, w\u00fcnscht sich Kai Wiese, w\u00e4re toll, wenn die Jobs zwischen Hotel und Caf\u00e9 flexibel eingeteilt werden k\u00f6nnten. Dann k\u00f6nnten sich die Besch\u00e4ftigten auch mal in wechselnden Bereichen ausprobieren. <\/p>\n<p>jugend hilft jugend Hamburg hat in Hamburg bereits ein Netzwerk verschiedenster Arbeitsfelder f\u00fcr Suchtkranke entwickelt. In unterschiedlichen Werkst\u00e4tten (<abbr title=\"zum Beispiel\">z. B.<\/abbr> Fahrradwerkstatt, Renovierungskolonne) k\u00f6nnen ehemalige Abh\u00e4ngige in Vollzeit oder tageweise arbeiten. Die Vermittlung erledigt unter anderem die Agentur \u201eZeitflu\u00df\u201c. <\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen aus dem Schubladendenken herauskommen\u201c, sagt Kai Wiese. gehe nicht darum, f\u00fcr jede Art von Beeintr\u00e4chtigung Sonderformen zu entwickeln, sondern Menschen flexibel und ohne Sozialklimbim auf eine realistische Bahn zu bringen. Oft sei n\u00e4mlich nur wichtig, ihnen beim Anfang zu helfen. Wenn sie erst mal auf den Zug gesprungen sind, sagt Wiese, laufe meist \u201eganz von selber\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Projekt ist einmalig in Europa: In Altona f\u00fchren behinderte und suchtkranke junge Menschen ein Hotel und ein Caf\u00e9. Sie wollen keine Sozialbiotope, sondern Arbeitspl\u00e4tze und Wirtschaftlichkeit \u2013 wie alle anderen auch. 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