
{"id":123,"date":"1994-02-11T15:45:06","date_gmt":"1994-02-11T13:45:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=123"},"modified":"2018-04-16T19:57:32","modified_gmt":"2018-04-16T19:57:32","slug":"lacheln-als-leistung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/lacheln-als-leistung\/","title":{"rendered":"L\u00e4cheln als Leistung"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland einmalig: Mitten in Hamburg betreiben Behinderte ein kleines Hotel.<br \/>\nDie Zeit vom 11. Februar 1994, von Hanns-Stefan Grosch.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Presse-, Medienbericht: DIE ZEIT<\/h2>\n<p>Einer hat ins G\u00e4stebuch geschrieben: \u201eDer Geist l\u00e4sst sich nicht behindern.\u201c Den Beweis zu liefern ist die Mannschaft des Hotels angetreten, in dem das G\u00e4stebuch liegt. Begeisterung, aufmunternde Worte \u2013 die Eintragungen beweisen: Unwohl gef\u00fchlt hat sich hier in den paar Monaten seit der Er\u00f6ffnung noch niemand. Obwohl \u2013 oder weil? \u2013  das Hotelpersonal fast ausschlie\u00dflich aus Behinderten besteht.<\/p>\n<p>\u201eWir haben uns damals \u00fcberlegt, was unsere Kinder besonders auszeichnet\u201c, sagt Roswitha Born, Mitglied des Vereins Werkstadthaus Hamburg, in dem sich Eltern behinderter Kinder zusammengeschlossen haben. Es sei die freundliche Ausstrahlung, die Herzlichkeit. \u201eWas lag da n\u00e4her, als einen Dienstleistungsbetrieb aufzumachen?\u201c fragt Roswitha Born. Denn die Kinder der acht Elternpaare, die den Verein bilden, sollten etwas Sinnvolles tun.<\/p>\n<p>Also machten sich die Eltern ans Nachdenken. Das Hotelprojekt kam dabei heraus. Dass sie damit bei den Beh\u00f6rden auf einhellige Begeisterung sto\u00dfen w\u00fcrden, h\u00e4tten die Vereinsmitglieder nicht gedacht. \u201eAber wir wurden \u00fcberall mit offenen Armen empfangen.\u201c Mit ganz konkreten Vorstellungen ging man auf die Suche nach einem geeigneten Objekt. In der Altonaer Holstenstra\u00dfe, mittendrin im Gro\u00dfstadttrubel, wurden die Eltern f\u00fcndig. Die Reichsbund <acronym title=\"Gesellschaft mit begrenzter Haftung\">GmbH<\/acronym> plante dort ein Geb\u00e4ude des sozialen Wohnungsbaus. gelang dem Werkstadthaus-Verein, den Bauherrn f\u00fcr die Idee zu gewinnen und die unteren Stockwerke nach eigenen Pl\u00e4nen zu gestalten.<\/p>\n<p>Jetzt liegt im Erdgeschoss das Hotel, dar\u00fcber befinden sich die R\u00e4ume der Wohngruppe, in der die Behinderten in ihrer Freizeit betreut werden. Dort gibt auch eine kleine W\u00e4scherei. Weil durch das Projekt sechs Behinderten-Arbeitspl\u00e4tze geschaffen wurden, schoss die \u00f6ffentliche Hand Geld zu. Die rund 300 000 Mark stammen aus der Abgabe, die Firmen zahlen m\u00fcssen, wenn sie nicht gen\u00fcgend Behinderte besch\u00e4ftigen. Damit und aus Spenden hat der Verein die behindertengerechte Ausstattung des Hotels finanziert. Und die ist perfekt. Breite T\u00fcren, die sich teilweise auf Knopfdruck \u00f6ffnen; spezielle Duschen, unter die man auch mit dem Rollstuhl kommt; Waschbecken in der richtigen H\u00f6he; Schr\u00e4nke, an die auch Rollstuhlfahrer herankommen; und \u00fcberall Haltegriffe, an denen man sich entlanghangeln kann. Die ganze Anlage ist ebenerdig, und \u00fcber eine Notrufeinrichtung l\u00e4sst sich jederzeit Hilfe herbeiklingeln. Ein Fahrdienst wird ebenso angeboten wie die Betreuung behinderter G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Lichte Tapeten und Vorh\u00e4nge bestimmen die Einrichtung, alles ist modern und freundlich. Ein ganz normales Hotel also, mit viel Komfort. Die G\u00e4ste sollen sich hier gut aufgehoben f\u00fchlen, gerade auch behinderte. Eine Hemmschwelle existiert nicht. Denn schlie\u00dflich ist das Personal, das hier die Zimmer aufr\u00e4umt, die Badezimmer putzt und das Fr\u00fchst\u00fcck macht, ja selbst behindert.<\/p>\n<p>Zum Beispiel Clemens Paschen. Der 24j\u00e4hrige ist rastlos um das Wohl seiner G\u00e4ste bem\u00fcht. Gerade erst hat er sich auf englisch mit zwei Russen verst\u00e4ndigt, schon eilt er in Richtung K\u00fcche, um frische Wurst zu organisieren. Clemens` Merkf\u00e4higkeit ist so stark eingeschr\u00e4nkt, dass er als geistig behindert gilt. Er spricht hastig, seine Bewegungen sind mitunter fahrig. Im Service des Hotels war das bisher nur selten ein Problem. \u201eEin paar mal habe ich vergessen, wie lange die Fr\u00fchst\u00fcckseier kochen sollten\u201c, bekennt Clemens.<\/p>\n<p>Wenn er mal nicht mehr weiter wei\u00df oder durch die Hektik in Bedr\u00e4ngnis ger\u00e4t, greift ihm Arezki Krim unter die Arme. Krim ist Direktor des Hotels und nicht behindert. Er sorgt daf\u00fcr, dass die kleinen Pannen, die seinen Sch\u00fctzlingen gelegentlich unterlaufen, schnell behoben werden. \u201eAber da gibt immer seltener Schwierigkeiten\u201c, berichtet der geb\u00fcrtige Algerier. Die Mitarbeiter h\u00e4tten mittlerweile schon viel dazugelernt und an Routine gewonnen. Zwar verf\u00fcgt das Hotel nur \u00fcber sieben Zimmer und bietet gerade mal f\u00fcr ein Dutzend G\u00e4ste Platz. Aber die sechs behinderten jungen Leute im Alter zwischen 19 und 24 Jahren machen ihre Arbeit sehr gr\u00fcndlich und liebevoll und brauchen daf\u00fcr etwas l\u00e4nger.<\/p>\n<p>\u201eWir waren verwundert, dass das Projekt von gesunden G\u00e4sten so wohlwollend aufgenommen wird\u201c, erz\u00e4hlt Roswitha Born. \u201e\u00dcberraschenderweise hatten wir kaum behinderte G\u00e4ste, obwohl unsere Ausstattung so gut ist.\u201c dominieren Gesch\u00e4ftsleute oder Touristen. Immer wieder kommen G\u00e4ste, die das Hotel im Vorbeifahren entdeckt haben. An der Behinderung des Personals st\u00f6ren sie sich nicht. Die meisten wollen wieder kommen oder empfehlen das Haus weiter. Wer Clemens im Service beobachtet und sieht, wie etwa Kerstin und Dirk sich um die Zimmerreinigung k\u00fcmmern, wei\u00df warum. Sie sind mit Beigeisterung bei der Sache. \u201eMir macht die Arbeit gro\u00dfen Spa\u00df\u201c, sagt Clemens. Mit ausgesuchter Freundlichkeit bedient er die G\u00e4ste beim Fr\u00fchst\u00fcck. Und diese Freundlichkeit ist echt<\/p>\n<p>Anderthalb Jahre lang haben Clemens und die anderen eine Hauswirtschaftsschule besucht, und auch jetzt gehen sie noch einmal die Woche zum Unterricht. Die \u00fcbrigen vier Tage arbeiten die Behinderten jeweils halbtags und l\u00f6sen sich reihum ab. Bezahlt werden sie nach Tarif. Lohn und Geb\u00e4udemiete von monatlich rund 7500 Mark soll das Hotel abwerfen. Das f\u00e4llt bei Zimmerpreisen von 130 bis 180 Mark nicht leicht. Darum wird der Chef, Arezki Krim der seit \u00fcber zwanzig Jahren im Hotelgewerbe arbeitet, von der Stadt entlohnt. Ohne ihn ginge hier nichts: Er bringt seine Erfahrungen ein, weist die Mitarbeiter an und kontrolliert die Ergebnisse. \u201eDer Gast darf den Zimmern und dem Service nicht anmerken, dass das Personal gehandikapt ist\u201c, sagt er. Zu diesem Zweck hat er ein spezielles Putzlappensystem eingef\u00fchrt. Die Lappen sind farbig sortiert. Der gelbe etwa ist in der K\u00fcche tabu und darf nur f\u00fcr die Toiletten benutzt werden. Das wichtigste sei, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, sagt Arezki Krim. <\/p>\n<h3>F\u00fcr die Zukunft hat der Verein weitere Pl\u00e4ne<\/h3>\n<p>So soll die W\u00e4scherei, in der derzeit nur die Hotelw\u00e4sche gereinigt wird, auch f\u00fcr Kunden von au\u00dfen offen stehen. \u201eUnsere Kinder k\u00f6nnen eine Menge leisten, wenn wir ihnen die M\u00f6glichkeiten schaffen\u201c, sagt Roswitha Born. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland einmalig: Mitten in Hamburg betreiben Behinderte ein kleines Hotel. 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