
{"id":137,"date":"1996-08-31T15:56:09","date_gmt":"1996-08-31T13:56:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=137"},"modified":"2018-04-16T19:57:32","modified_gmt":"2018-04-16T19:57:32","slug":"in-dem-altonaer-hotel-arbeiten-fast-nur-behinderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/in-dem-altonaer-hotel-arbeiten-fast-nur-behinderte\/","title":{"rendered":"In dem Altonaer Hotel arbeiten (fast) nur Behinderte"},"content":{"rendered":"<p>Ein Pressebericht der Zeitung Hinz &amp; Kunzt im August 1996. Text: Uli Jonas.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Allpaletti im Stadthaus-Hotel <\/h2>\n<p>Claudia Pokoiewski hat gute Laune, und das hat einen einfachen Grund: Sie arbeitet zusammen mit ihrem Freund S\u00f6nke Petersen in der kleinen W\u00e4scherei des Stadthaus-Hotels.<br \/>\n\u201eDie Manschetten und den Kragen muss man vorb\u00fcgeln, weil sie dicker sind\u201c, sagt die 24j\u00e4hrige. Sie macht`s gleich vor und erz\u00e4hlt dabei, wie sie sich in ihren \u201eSchatz\u201c S\u00f6nke verguckt hat. \u201eDas war auf seiner Geburtstagsfeier im Februar. Da fragte eine Freundin mich: \u201eIst der nicht sch\u00f6n?\u201c Und ich sagte: \u201eJa, der ist sch\u00f6n.\u201c Die Augen der Frau strahlen.    <\/p>\n<p>Claudia und S\u00f6nke sind zwei von insgesamt acht jungen Menschen mit geistiger Behinderung, die im Stadthaus-Hotel arbeiten \u2013 und in zwei Wohnungen dar\u00fcber wohnen. Erm\u00f6glicht haben ihnen das ihre Eltern. \u201eUnsere Kinder gingen gemeinsam zur Schule. Schon damals waren sie eine sehr harmonische, liebevolle Gruppe\u201c, erinnert sich Henning Born, einer der V\u00e4ter. \u201eDa dachten wir uns: muss doch m\u00f6glich sein, dass sie weiter zusammen leben und arbeiten.\u201c     <\/p>\n<p>So einfach war aber nicht, denn normalerweise w\u00e4re die Gruppe in alle Winde zerstreut worden: die beiden Schwerstbehinderten in Wohngruppen, die anderen in Behinderten-Werkst\u00e4tten. \u201eDann m\u00fcssen wir eben selbst Arbeitspl\u00e4tze schaffen\u201c, dachten sich die Eltern und gr\u00fcndeten den Verein Werkstadthaus Hamburg. Das Konzept war einfach und \u00fcberzeugend: \u201eWir wollen unsere Behinderung nicht verstecken, sondern zeigen, welche Vorteile damit einhergehen; zum Beispiel sind unsere Kinder ja sehr freundlich.\u201c     <\/p>\n<p>Da lag die Idee vom Hotel nicht mehr fern. Die Sozialbeh\u00f6rde war sofort begeistert, spendete Rat und Geld. Schwieriger war die Suche nach einem geeigneten Haus. Schlie\u00dflich willigte der Reichsbund Wohnungsbau ein, das Projekt zu beherbergen. Ihre Sparkonten mussten die Eltern dennoch pl\u00fcndern: 200 000 Mark haben sie aus eigener Tasche f\u00fcr Umbau und Einrichtung gezahlt. Immerhin sollte ein \u201eanspruchsvolles Hotel mit Schick\u201c werden \u2013 und ein behindertenfreundliches zudem.     <\/p>\n<p>Knapp drei Jahre nach der Er\u00f6ffnung kommen Menschen von \u00fcberall her, um sich das ungew\u00f6hnliche Projekt aus der N\u00e4he anzusehen. Zum Beispiel Annette und Jochem Schult aus dem Rheinland. \u201eWenn unsere behinderte Tochter \u00e4lter ist, wollen wir vielleicht etwas \u00e4hnlichaufziehen\u201c, sagt die 38j\u00e4hrige Mutter. Sie ist begeistert: \u201eWeil die Behinderten hier so viel wie m\u00f6glich ins normale Leben integriert werden. Eine Werkstatt f\u00fcr Behinderte ist dagegen doch eher ein Ghetto.\u201c        <\/p>\n<p>Auch Claudia Pokoiewski erinnert sich nicht gerade mit Begeisterung an ihre Werkstatt-Zeiten. Damals t\u00fctete sie Schrauben ein. \u201eDa sitzt man nur und arbeitet mit den H\u00e4nden. Hier bewegt man den ganzen K\u00f6rper.\u201c Und wie: Morgens um sieben holt sie die Br\u00f6tchen f\u00fcr die G\u00e4ste. Dann baut sie das Fr\u00fchst\u00fccks-B\u00fcffet auf: \u201eJoghurt, Wurst, K\u00e4se, Orangen-Saft, Milch, M\u00fcslis, Kaffee hinstellen, Tassen umdrehen, Kaffeesahne und Blumen hinstellen, Gardinen aufziehen, Fenster \u00f6ffnen, Musik anmachen&#8230;\u201c Souver\u00e4n spult die junge Frau ihren Tagesablauf ab.  <\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck: Die G\u00e4ste von Zimmer 3 haben gerade das Hotel verlassen. Claudia Pokoiwski wechselt Bettw\u00e4sche und Handt\u00fccher. Dann putzt sie das Bad. \u201eMir macht alles Spa\u00df\u201c, sagt sie und scheuert mit einem Lappen hingebungsvoll das Waschbecken sauber. Doch noch aus einem anderem Grund ist sie mit ihrem Job zufrieden: \u201eDie Kollegen sind friedlich, p\u00fcnktlich und strahlen meistens wie die Sonne.\u201c  <\/p>\n<p>Damit meint sie sicherlich auch Clemens Paschen. Der 26j\u00e4hrige l\u00e4uft mit einem kleinen Tablett in der Hand zwischen dem Fr\u00fchst\u00fccksraum und der K\u00fcche hin und her. Zwei G\u00e4ste betreten die Lounge.<br \/>\n          \u201eGuten Morgen\u201c, begr\u00fc\u00dft Clemens die beiden Frauen, macht einen kleinen Diener und fragt l\u00e4chelnd: \u201eWollten Sie fr\u00fchst\u00fccken?\u201c Dann weist er ihnen mit dem ausgestreckten Arm den Weg. Clemens mag vor allem den Fr\u00fchdienst, wenn er mit den G\u00e4sten auch mal ein Schw\u00e4tzchen halten kann. Da er Englisch gelernt hat, begeistern ihn vor allem Menschen aus dem Ausland. \u201eIch staune immer wieder, wie vielseitig die Leute sind.\u201c<\/p>\n<p>Auch S\u00f6nke Petersen arbeitet gerne in dem Hotel mit den sieben Zimmern. Er ist der \u201eChef\u201c der kleinen W\u00e4scherei im ersten Stock. Waschen, Trocknen, B\u00fcgeln, Mangeln, Rechnungen schreiben \u2013 das allerledigt S\u00f6nke selbst\u00e4ndig: \u201eIn anderen Betrieben steht immer jemand hinter dir und sagt: Das und das muss auch noch gemacht werden. Hier ist das nicht so.\u201c Trotz aller Freiheit: Einen Chef gibt auch im Stadthaus-Hotel. Arezki Krim hei\u00dft er.\n      <\/p>\n<p>Der 49j\u00e4hrige Hotel-Manager sorgt gemeinsam mit einer Sozialp\u00e4dagogin und einer Hotelfachkraft f\u00fcr den reibungslosen Ablauf des Betriebes. Krim hat vorher in gro\u00dfen Hotels gearbeitet, zum Beispiel im \u201eVier Jahreszeiten\u201c. Mindestens eine schlechte Angewohnheit aus dieser Zeit musste ich ruhig bleiben, sonst passiert bei meinen Mitarbeitern gar nichts mehr.\u201c<br \/>\n      Krim ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer mit Leib und Seele: \u201eWir sind die Hoffnung von allen Behinderten!\u201c Immer wieder, so berichtet er, kommen Eltern vorbei und fragen, ob nicht auch ihr Kind in dem Haus arbeiten k\u00f6nne. Bis nach China und Australien dringt der gute Ruf des Stadthaus-Hotels inzwischen, wie die Eintragungen im G\u00e4stebuch beweisen<\/p>\n<p>Allespaletti also? Nicht ganz: Der Zuschuss des Arbeitsamtes f\u00fcr das Gehalt Krims l\u00e4uft dieses Jahr aus. Zwar sind die 130 bis 220 Mark teuren Zimmer zu 65 bis 70 Prozent ausgelastet. Dennoch ist das Projekt noch von Spenden abh\u00e4ngig. \u201eDa das Hotel so klein ist, m\u00fcssen wir gr\u00f6\u00dfere Gruppen ablehnen\u201c, schildert Henning Born das Dilemma. Er ist aber optimistisch, m\u00f6chte die W\u00e4scherei zum zweiten finanziellen Standbein ausbauen. Die Unterst\u00fctzung der Nachbarschaft hat das Projekt heute schon: Firmen quartieren im Stadthaus-Hotel ihre Gesch\u00e4ftspartner ein, und der Direktor der naheliegenden Sparkasse hat dem Vereinsvorsitzenden Born neulich gesagt: \u201eWir sind so froh, dass Sie da sind!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pressebericht der Zeitung Hinz &amp; Kunzt im August 1996. 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