
{"id":149,"date":"1994-02-11T16:05:17","date_gmt":"1994-02-11T14:05:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=149"},"modified":"2018-04-16T19:57:32","modified_gmt":"2018-04-16T19:57:32","slug":"jens-und-mirco-machen-die-betten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/jens-und-mirco-machen-die-betten\/","title":{"rendered":"Jens und Mirco machen die Betten"},"content":{"rendered":"<p>Im Hamburger Stadthaushotel leben und arbeiten neun behinderte Jugendliche. Das Projekt ist bundesweit einzigartig.<br \/>\nAllgemeines Sonntagsblatt vom 11. Februar 1994. Text: Torsten Schuber.<!--more--><\/p>\n<h2>Presse-, Medienberichte: Sonntagsblatt<\/h2>\n<p>Im Hamburger Stadtteil Altona hat ein Hotel besonderer Art er\u00f6ffnet. Ein offenbar besonders freundliches Hotel: \u201eDies war mit Abstand das netteste Personal, welches wir je erlebt haben\u201c, schrieb ein Paar ins G\u00e4stebuch. hatte seine Flitterwochen in dieser Herberge verbracht. Und ein Paul Reschke aus Hameln glaubt zwar nicht, dass der Umgang mit den \u201ebesonderen\u201c Angestellten f\u00fcr alle G\u00e4ste immer einfach ist, \u201eaber ich hatte keine Probleme\u201c, bemerkt der Rentner, \u201eich komme wieder.\u201c     <\/p>\n<p>Im Altonaer Stadthaus-Hotel arbeiten neun geistig behinderte Jugendliche im Alter zwischen 21 und 23 Jahren. Die Idee hatte ein Elternverein vor acht Jahren. Die Jugendlichen kennen sich schon lange, besuchten gemeinsam eine anthrosophische Schule. \u201eWir als Eltern wollten, dass diese Gemeinschaft auch im sp\u00e4teren Leben zusammenbleibt.\u201c Vor vier Monaten gr\u00fcndeten sie das Hotel. Die Leitung \u00fcbernahm der Hotelmanager Arezki Krim. Er war zuvor Abteilungsleiter in einem renommierten Hamburger Hotel.       <\/p>\n<p>Ein Blick ins G\u00e4stebuch zeigt: Die Besucher akzeptieren das Haus. In den ersten vier Monaten verbuchte Arezki Krim bereits 587 \u00dcbernachtungen \u2013 bei stadt\u00fcblichen Zimmerpreisen von 130 bis zu 220 Mark mit Fr\u00fchst\u00fcck. \u201eViele G\u00e4ste kommen auf Empfehlung von Bekannten und kennen uns dadurch bereits\u201c, sagt Arezki Krim. \u201eAndere sind auf der Suche nach einem Hotel und staunen dann \u00fcber uns, obwohl wir sie vorher \u00fcber unser Konzept informieren.\u201c     <\/p>\n<p>Die Kommunikation zwischen G\u00e4sten und Angestellten klappt erstaunlich gut. Sie sind sehr h\u00f6flich zu mir\u201c, sagt Claudia \u00fcber ihr Publikum. Die junge Frau ist gelernte Hauswirtschafterin und geht trotz ihrer Behinderung sehr selbstbewusst auf andere Menschen zu. Sie lebt in einer eigenen Wohnung. Auch die anderen Jugendlichen sind bei ihren Eltern ausgezogen. Sie wohnen in einer Etage \u00fcber dem Hotel. Sechs Sozialp\u00e4dagogen betreuen sie rund um die Uhr.        <\/p>\n<p>Das Hotel mit seinen elf Betten in sieben Zimmern ist ein bundesweit einzigartiges Projekt. Die Idee ist genauso einfach wie praktisch: Die Jugendlichen sollen lernen, sich in einer Gruppe selbst zu versorgen \u2013 also Essen zubereiten, Zimmer sauberhalten, telefonieren und waschen. Doch: \u201eWas die Gruppe selbst braucht, k\u00f6nnen wir auch f\u00fcr Fremde nutzen\u201c, sagt Henning Born, Vorsitzender des Vereins und Vater einer mehrfachbehinderten Tochter. Die Hamburger Sozialbeh\u00f6rde und viele private Sponsoren unterst\u00fctzen das Projekt. \u201eDaf\u00fcr sind wir dankbar, dankbar, dankbar\u201c, sagt Henning Born.     <\/p>\n<p>Die neun Jugendlichen wurden zwei Jahre lang auf einer Berufschule zu Hotelfachleuten ausgebildet \u2013 als erste Behindertenklasse an einer solchen Schule. Jetzt arbeiten sie jeden Tag vier Stunden und werden nach Tarif bezahlt. \u201eSie verdienen ungef\u00e4hr 800 Mark im Monat\u201c, erz\u00e4hlt Henning Born. 10 700 Mark zahlt der Verein monatlich f\u00fcr die Miete von Hotel und Wohnr\u00e4umen. Hinzu kommen noch die Gehaltskosten f\u00fcr Betreuer und Hotelmanagement von 50 000 Mark. \u201eDas ergibt einen Gesamtetat von 800 000 Mark im Jahr.\u201c Doch Henning Born ist zuversichtlich: \u201eMit einer Auslastung von 60 Prozent k\u00f6nnen wir die Hotelkosten abdecken.\u201c     <\/p>\n<p>Punkt neun Uhr erscheinen Jens und Mirco. Beide tragen \u00fcber ihrem wei\u00dfen Hemd eine Weste und dunkle Hosen. Mircos Weste ist mit bunten Rauten verziert. Die beiden nehmen sich einen gro\u00dfen Wagen mit Bettzeug, Handt\u00fcchern und Putzsachen und steuern ein Zimmer an. \u201eAlso, Jens, was ist zu tun?\u201c fragt Mirco. Jens beginnt das Bett zu machen. Dann werfen beide die Tagesdecke dar\u00fcber, Mirco streicht sie mit \u00e4u\u00dferster Sorgfalt glatt. Anschlie\u00dfend gehen sie ins Bad.      <\/p>\n<p>\u201eAm Anfang wusste ich nicht, wie soll ich mich gegen\u00fcber den Jugendlichen verhalten\u201c, berichtet Arezki Krim. \u201eMit der Zeit habe ich gelernt: Ich erwarte nichts. \u201eSie w\u00fcrden nie die Arbeit verweigern, aber manchmal stehen sie nur rum und warten. Wir \u00fcben immer. Auch wenn keine G\u00e4ste da sind, machen wir sauber.\u201c Die Jugendlichen erg\u00e4nzen sich untereinander, hat Krim beobachtet: \u201eDer eine sieht etwas, kann die Arbeit aber motorisch nicht so gut machen und sagt dann: Hier, guck mal.\u201c Im Putzschrank h\u00e4ngt ein gro\u00dfer Zettel, darauf steht: \u201eWir achten auf die Farben der Lappen.\u201c Gelb ist f\u00fcr die Reinigung der Toiletten, Rot f\u00fcr die K\u00fcche, und die blauen Lappen sind f\u00fcr das Bad gedacht.  <\/p>\n<p>Jens und Mirco sind inzwischen schon ein Zimmer weiter gegangen und ziehen fort das Bett ab: \u201eJetzt machen wir Tauziehen.\u201c Claudia ist mit dem Fr\u00fchst\u00fcck fertig und kommt dazu. \u201eIch muss den M\u00e4nnern helfen, sonst wird das nichts mehr heute\u201c, sagt sie. Ab jetzt geht schneller \u2013 auch wenn Mirco manchmal tanzt und Jens die Arbeit \u00fcberl\u00e4sst. Aber dann greift er ein, weil sein Kollege einen Fehler macht. Mirco zeigt Jens, wie man ein Handtuch faltet: \u201eSo macht man das lieber junger Freund.\u201c Und: \u201eJetzt gehst du noch mal zur\u00fcck und holst das andere.\u201c Als Jens endlich richtig gemacht hat, sagt Mirco beinahe liebevoll zu seinem Freund: \u201eMit dir hab ich wirklich nicht leicht, Jens.\u201c     <\/p>\n<p>Alle Zimmer sind behindertengerecht ausgebaut. gibt keine Badewannen aber breite Duschen f\u00fcr Rollstuhlfahrer. Die T\u00fcren lassen sich auf Knopfdruck \u00f6ffnen, die Garderoben sind im Sitzen erreichbar. Behinderte Kinder von G\u00e4sten k\u00f6nnen tags\u00fcber mit in der Wohngruppe betreut werden. \u201eUm so erstaunlicher, das wir bis jetzt kaum behinderte Besucher hatten\u201c, meint Arezki Krim.   <\/p>\n<p>Elternsprecher Henning Born gibt zu \u201eUnsere Jugendlichen sind privilegiert. Doch nicht etwa, weil sie aus besonderreichen oder gebildeten Elternh\u00e4usern kommen, sondern weil sich die Eltern vern\u00fcnftiger Weise um ihre Kinder k\u00fcmmern.\u201c In vern\u00fcnftiger Weise hei\u00dft f\u00fcr ihre auch behinderten Jugendlichen eine Chance zur eigenst\u00e4ndigen Entwicklungen zu geben. \u201eDas f\u00e4llt vielen Eltern schwer weil sie denken, ihre Kinder brauchen eine besondere Obhut.\u201c So haben an diese Trennung der Jugendlichen von zu Hause die Eltern fast mehr gelitten.\n<\/p>\n<p>Im Hamburger Stadtteil Altona hat sich das Stadthaus-Hotel gut eingef\u00fchrt. Daher haben wir keine Diskriminierung von Seiten der Nachbarn gesp\u00fcrt\u201c, sagt Born. Im Gegenteil: \u201eNeulich in der Sparkasse kam der Filialleiter auf mich zu und sagte, alle seien ganz stolz und gl\u00fccklich dass wir hier sind.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Hamburger Stadthaushotel leben und arbeiten neun behinderte Jugendliche. 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