
{"id":22,"date":"2009-02-23T13:14:32","date_gmt":"2009-02-23T11:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=22"},"modified":"2018-04-16T19:56:54","modified_gmt":"2018-04-16T19:56:54","slug":"ein-ganz-normales-hotel-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/ein-ganz-normales-hotel-2\/","title":{"rendered":"\u201eEin ganz normales Hotel\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Die Frankfurter Allgemeine \u00fcber das Stadthaushotel Hamburg Altona.<\/h3>\n<p>\u201eWer integriert hier wen? Das Stadthaushotel in Hamburg bringt Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.\u201c<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie Servietten waren immer gelb gewesen. Immer schon. Als sie eines Tages aber pl\u00f6tzlich rot waren, weil jemand beschlossen hatte, dass das besser zu den neugestrichenen Wanden passe, streikten die Mitarbeiter. Es sei die falsche Farbe, sagten sie und weigerten sich, die Servietten zu falten und auf den Fr\u00fchst\u00fcckstischen zu verteilen wie sonst immer. Es dauerte eine Woche, bis rot zu einer genauso richtigen Farbe geworden war wie gelb.<\/p>\n<p>Im Stadthaushotel in Hamburg-AItona ist manches ein wenig anders als in anderen Gasth\u00e4usern, neun der zw\u00f6lf Mitarbeiter haben geistige und k\u00f6rperliche Behinderungen. \u201eAnders aber gut\u201c steht im Prospekt. Man k\u00f6nnte sagen, das Stadthaushotel ist ein ganz besonderes Hotel.<br \/>\nMan k\u00f6nnte aber genauso behaupten: Das Stadthaushotel ist ein ganz normales Hotel. \u201eEigentlich sind wir das normalste Hotel \u00fcberhaupt\u201c, sagt Axel Gra\u00dfmann, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Betreibers Jugend hilft Jugend <abbr title=\"eingetragener Verein\">e. V.<\/abbr>\u201c und Leiter des Bereichs Arbeit. \u201eWir bringen Menschen mit und ohne <span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Handicap<\/span> zusammen. Und wir nehmen jeden auf, auch, wenn er im Liegerollstuhl kommt.\u201c <\/p>\n<p>Dann rechnet er vor: Etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung seien schwerbehindert, f\u00fcnf Prozent seit der Geburt, und wenn man davon ausgeht, dass jeder nur einen Betreuer hat, geh\u00f6rt das Thema f\u00fcr jeden f\u00fcnften Deutschen zur Lebenswirklichkeit.<br \/>\nTheoretisch. Praktisch ist es so, dass viele Hoteliers keine Menschen mit <span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Handicap<\/span> einstellen oder aufnehmen, weil es immer wieder G\u00e4ste gibt, die sich von ihnen gest\u00f6rt f\u00fchlen, vor Gericht ziehen und den Reisepreis erstattet bekommen.<\/p>\n<p>An diesem Tag k\u00fcmmert sich Kerstin Buhr um das Fr\u00fchst\u00fcck, sie schenkt Kaffee nach, f\u00fcllt die Platten auf und begr\u00fc\u00dft jeden, der hereinkommt. \u201eDa kommt unser Oberchef\u201c, ruft sie, als Gra\u00dfmann eintritt, zur Begr\u00fc\u00dfung gibt die kleine Frau dem gro\u00dfen Mann mit den roten Turnschuhen einen Klaps auf die Schulter.<\/p>\n<p>Gra\u00dfmann ist Sozialp\u00e4dagoge und daher ein Mann, der nicht \u201eschwierig\u201c sagt, sondern von \u201ebesonderen Herausforderungen\u201c spricht, er wei\u00df, dass man \u201eein Mensch mit Behinderung\u201c oder \u201emit <span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Handicap<\/span>\u201c sagen soll und nicht \u201eder ist behindert\u201c, und auch lieber \u201eTrisomie 21\u201c statt \u201e<span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Down-<\/span>Syndrom\u201c. Begrifflichkeiten sind letztendlich aber nicht so wichtig. Viel wichtiger sei, was getan werde: Das Stadthaushotel war das erste integrative Hotel Europas. Die Auslastung liegt zehn Prozent \u00fcber dem Durchschnitt: Wenn man das G\u00e4stebuch durchbl\u00e4ttert, liest man Eintr\u00e4ge wie \u201eEine bereichernde Beherbergung\u201c oder \u201eVielen Dank f\u00fcr die Erfahrung\u201c. Inzwischen sind \u00fcber drei\u00dfig Hotels in Deutschland dem Beispiel gefolgt, ein Teil hat sich zu dem Verbund \u201e<span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Embrace-<\/span>Hotels\u201c zusammengeschlossen, Gra\u00dfmann ist der Pr\u00e4sident.<\/p>\n<p>In der Fachdiskussion spricht man nicht von Integration, sondern von Inklusion. \u201eWer integriert wird, war drau\u00dfen\u201c, sagt Gra\u00dfmann, \u201eInklusion steht f\u00fcr eine Begegnung auf der gleichen Ebene.\u201c Ohnehin bekommt man hier schnell das Gef\u00fchl, dass eher die Leute ohne Behinderung Integration n\u00f6tig haben. Nicht wenige sind unsicher, wie sie Menschen mit geistiger Behinderung begegnen sollen. \u201eWer hierherkommt, verliert seine Unsicherheit schnell\u201c, sagt Gra\u00dfmann, \u201edenn man kommt als Gast und hat das Recht auf Dienstleistung. Das macht es einfach.\u201c<\/p>\n<p>Zwischendurch springt er auf, legt ein Besteck um oder bittet Kerstin Buhr, noch ein Gedeck zu holen. Ihre Eltern geh\u00f6ren zu jenen, die 1993 das Stadthaushotel er\u00f6ffneten, um f\u00fcr ihre Kinder Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, seit acht Jahren betreibt es der Verein \u201eJugend hilft Jugend\u201c. Im Altbau \u00fcber dem Hotel leben vier der Mitarbeiter in einer Wohngemeinschaft, auch Buhr hat dort ein Zimmer.<\/p>\n<p>Einer ihrer Mitbewohner ist Clemens Paschen, er hat an diesem Tag \u201eSchmutz- und Putzdienst\u201c, wie er es formuliert. Das Wchtigste dabei ist seine Liste. Sie ist so etwas wie das Ged\u00e4chtnis, das ihm manchmal fehlt. \u201eIch bin sehr vergesslich\u201c, sagt der 39-J\u00e4hrige, \u201edas ist ein Teil meiner Behinderung.\u201c Auf der Liste hakt er ab, was er erledigt hat, und liest nach, was als N\u00e4chstes ansteht. \u201eWenn dreckige Handt\u00fccher da sind, dann raus und neue rein\u201c steht da zum Beispiel, oder \u201eM\u00fcll raus, neue M\u00fcllbeutel\u201c, oder \u201eWC-Papier da?\u201c.<\/p>\n<p>In seinem Zimmer stehen drei Designersessel und Sofas, erz\u00e4hlt er, M\u00f6bel sammeln sei eines seiner Hobbys. Au\u00dferdem sammelt er DVDs, Zubeh\u00f6r f\u00fcr seine Modellbahn &#8211; und unbekannte Orte. Unbekannte Orte? \u201eDas ist mein wichtigstes Hobby\u201c, sagt Paschen, \u201eich recherchiere gerne, und wenn ich einen unbekannten Ort finde, dann guck&#8216; ich den nach und drucke etwas \u00fcber ihn aus und hefte das in einem Ordner ab.\u201c<\/p>\n<p>Viereinhalb Stunden dauert eine Schicht, vom Tarifgehalt kann er leben und Steuern zahlen. Das Wichtigste, sagt er, sei ein zufriedener Gast. Das macht er einem leicht, selbst wenn man ihm im Weg herumsteht, bleibt er herzlich und fr\u00f6hlich. Und keiner kann so druckreif \u00fcber seine Arbeit sprechen wie er: \u201eDas Waschbecken\u201c, sagt er, \u201ewird zun\u00e4chst von den Sachen der G\u00e4ste befreit, die lege ich in ihrer Reihenfolge zur Orientierung auf die Seite, damit ich sie sp\u00e4ter wieder genauso zur\u00fccklegen kann. Aber vorher m\u00fcssen alle Flecken beseitigt werden, damit der Gast bei seiner R\u00fcckkehr einen sauberen und positiven Eindruck erh\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p>Der Service muss im Stadthaushotel mindestens genauso gut sein wie in anderen Hotels, \u201ein dreckigen Betten liegt auch keiner gerne, der solidarisch ist\u201c, sagt Kai Wiese, der Vorstandsvorsitzende des Vereins Jugend hilft Jugend\u201c. Wiese legt erst eine rote Visitenkarte auf den Tisch und danach einen gewichtigen Satz nach dem anderen: \u201eEs ist nicht einzusehen, dass jemand f\u00fcnfzig Prozent Leistung bringt und zu hundert Prozent ausgegrenzt wird.\u201c Oder: \u201eWir betreiben eine Spatz-in-der-Hand-Politik, aber lieber zehn Projekte realisiert als \u00fcber hundert geredet.\u201c<\/p>\n<p>Kai Wiese hat eine Vision. Er w\u00fcnscht sich, dass Behinderungen f\u00fcr alle eine Spur selbstverst\u00e4ndlicher werden. Das n\u00e4chste gro\u00dfe Projekt ist ein Stadthaushotel in der Hafencity, das Fundament ist schon da, 2010 soll es er\u00f6ffnen, mit sechzig Arbeitspl\u00e4tzen, vierzig davon f\u00fcr Menschen mit <span lang=\"en\" xml:lang=\"en\">Handicap<\/span>. \u201eEin wichtiger Baustein f\u00fcr Hamburgs neues Zentrum\u201c steht in der Brosch\u00fcre, Kai Wiese nennt das Vorhaben \u201eeinen sozialen Leuchtturm\u201c. Und nat\u00fcrlich hat er dazu auch noch einen nachdr\u00fccklichen Satz in der Tasche: \u201eDer soll nicht nur strahlen, damit keiner untergeht, sondern er soll auch andere Schiffe anlocken.\u201c<\/p>\n<p><span class=\"klein\" style=\"display: none;\">Eine \u00dcbernachtung im Stadthaushotel (Holstenstr. 118) kostet 99 Euro im Doppelzimmer, sechs der 13 Zimmer sind barriererei. Mehr unter Telefon 040 3899200 oder unter www.stadthaushotel.com. Die Mitglieder der Embrace-Hotels findet man unter (www.embrace-hotels.de)<\/span><\/p>\n<p><span class=\"klein\">Ein Artikel von Anne-Dore Krohn, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, vom 21. Dezember 2008<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frankfurter Allgemeine \u00fcber das Stadthaushotel Hamburg Altona. \u201eWer integriert hier wen? 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