
{"id":255,"date":"2006-02-09T18:10:49","date_gmt":"2006-02-09T16:10:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stadthaushotel.com\/Aktuell\/?p=255"},"modified":"2018-04-16T19:57:12","modified_gmt":"2018-04-16T19:57:12","slug":"hinzkunzt-die-mit-dem-herzen-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadthaushotel.de\/aktuell\/hinzkunzt-die-mit-dem-herzen-sehen\/","title":{"rendered":"Hinz&#038;Kunzt: Die mit dem Herzen sehen"},"content":{"rendered":"<p>Nikolai Gram\u00fcsch ist eigentlich ganz normal. Der 18-J\u00e4hrige ist mittelgro\u00df, hat sein braunes Haar nach hinten gegelt und sieht einen freundlich an. Ein ganz normaler Mensch? Ja, nur dass er schwerbehindert ist. Er leidet am Tourette-Syndrom und an ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Text: Lisa Haarmeyer, Florian Hesse<!--more--><\/p>\n<p>Nikolai ist jemand, der nirgendwo richtig reinpasst. Er hat etliche Schulen besucht, dann wurde ihm geraten, auf eine F\u00f6rderschule zu gehen, doch geistig kann Nikolai viel mehr. Eine B\u00e4ckerausbildung hat er angefangen, allerdings gab es Probleme mit seinem Chef. Schlie\u00dflich hat Nikolai ein Praktikum im Stadthaushotel in Altona absolviert und dort einen Ausbildungsplatz bekommen. Zwei Jahre lang lernt er nun, um \u201eFachkraft im Gastgewerbe\u201c zu werden. Wenn er m\u00f6chte, kann er ein drittes Jahr dranh\u00e4ngen: und aus der \u201eFachkraft \u201c wird ein \u201eFachmann\u201c.<\/p>\n<p>Um 8.30 Uhr beginnt sein Acht-Stunden-Tag; wenn er Fr\u00fchschicht hat, um 7 Uhr. Jeden Tag \u00fcbernimmt er andere Aufgaben: Mal ist er f\u00fcrs Putzen der B\u00e4der zust\u00e4ndig, mal \u00fcbernimmt er seine Lieblingsarbeit, den Zimmerservice. Vielleicht stehen auch Aufgaben in der hauseigenen W\u00e4scherei an. Oder Bestellungen entgegennehmen. Oder einkaufen.<\/p>\n<p>Im Stadthaushotel arbeiten Menschen mit Handicaps Hand in Hand mit ehemaligen Drogenabh\u00e4ngigen und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien \u2013 ein europaweit einzigartiges Projekt. Laut Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Christian Wagner ein Erfolg auf ganzer Linie: \u201eAlle profitieren davon.\u201c Die Auslastung steigt, vergangenes Jahr bekam das Hotel drei Sterne \u2013 und unz\u00e4hlige Bewerbungen.<\/p>\n<p>Das Haus ist barrierefrei gebaut, sieben der 13 Zimmer sind rollstuhlgerecht eingerichtet. Im Sommer wird das Caf\u00e9 um den Innenhof erweitert. Es herrscht eine fr\u00f6hliche Atmosph\u00e4re, denn die Behinderten sind keineswegs kontaktscheu. Beim Fr\u00fchst\u00fcck wird viel miteinander geredet. Hier muss niemand eine Rolle spielen, sondern kann ganz er selbst sein.<\/p>\n<p>Das ist besonders wichtig bei Menschen mit Down-Syndrom, denn sie f\u00fchlen, ob ein Gespr\u00e4chspartner sich verstellt. So wie Claudia Petersen. Die 34-J\u00e4hrige k\u00fcmmert sich heute um die ankommenden G\u00e4ste. Freudestrahlend wird man begr\u00fc\u00dft, die Herzlichkeit zaubert einem ein L\u00e4cheln auf die Lippen, und man fragt sich: Wann wurde ich das letzte Mal so in einem Hotel empfangen?<\/p>\n<p>Wenn Claudia Petersen Fr\u00fchdienst hat, herrscht beste Stimmung: Sie sorgt f\u00fcr Gespr\u00e4che zwischen den G\u00e4sten, verbindet mit ihrer nat\u00fcrlichen Freundlichkeit Unbekannte f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck lang. \u201eDie meisten f\u00fchlen sich wohl bei uns und kommen wieder\u201c, so Christian Wagner. Neulich hat eine komplette Hochzeitsgesellschaft die R\u00e4ume gemietet, erz\u00e4hlt Nikolai.<\/p>\n<p>\u201eWir sind eigentlich das einzige normale Hotel\u201c, sagt Christian Wagner. \u201eUnsere Mitarbeiter sehen mit dem Herzen!\u201c Der gelernte Hotelbetriebswirt hatte sich auf eine Stellenanzeige beim Stadthaushotel beworben. Zuvor hatte er in F\u00fcnf-Sterne-Hotels im mond\u00e4nen St. Moritz oder im Kempinski in Frankfurt gearbeitet. Doch nach drei Jahren im Stadthaushotel wei\u00df er: \u201eHier m\u00f6chte ich nicht mehr weg!\u201c<\/p>\n<p>Jeden Tag wird er von den F\u00e4higkeiten seines Teams \u00fcberrascht; jeden Tag gilt es, kleine Katastrophen zu verhindern. Denn die Mitarbeiter brauchen feste Strukturen, was zum einen vorteilhaft ist, zum anderen aber eine gewisse Spontaneit\u00e4t verhindert. Die Check-Out-Zeit zum Beispiel liegt bei elf Uhr. Ist der Gast um 11.30 Uhr allerdings noch immer im Zimmer und ein Mitarbeiter m\u00f6chte es s\u00e4ubern, so ist ein Wutanfall nicht ausgeschlossen. Christian Wagner muss dann so schnell wie m\u00f6glich eine L\u00f6sung finden.<\/p>\n<p>Bewerbungen beim Stadthaushotel gibt es viele, doch das neunk\u00f6pfige Personal reicht f\u00fcr die 13 Zimmer vollkommen aus. So lag die Er\u00f6ffnung eines neuen Hotels nahe, und tats\u00e4chlich ist es auch schon in Planung: in der HafenCity, mit 80 Zimmern und 90 Arbeitspl\u00e4tzen. Es soll ebenfalls barrierefrei gebaut werden, so dass auch gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Rollstuhlfahrern Platz finden. Unterst\u00fctzt wird das Projekt von Prominenten wie Henning Voscherau, Hellmuth Karasek und Samy Deluxe mit der Werbekampagne \u201eIch will, dass es wahr wird!\u201c In zwei bis drei Jahren soll das neue Haus er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten machen Mittagspause. Au\u00dfer Nikolai und einem anderen Azubi haben alle einen Halbtagsjob, aufgeteilt in Fr\u00fch- und Sp\u00e4tschicht. Nikolai hat sich eine Pizza gemacht, Claudia Petersen isst einen Apfel. Sie ist momentan auf Di\u00e4t, und Christian Wagner sagt: \u201eClaudia, jetzt musst du willensstark sein.\u201c Und Claudia ist willensstark. Sie erz\u00e4hlt uns von ihrem Mann S\u00f6nke, der auch hier arbeitet und den sie hier kennen gelernt hat. Seit sieben Jahren sind sie nun verheiratet und wohnen ein paar H\u00e4user weiter in ihrer eigenen Wohnung. Claudia Petersen ist stolz, denn sie und ihr Mann sind unabh\u00e4ngig, verdienen ihr eigenes Geld. Wie normale Leute. Und auch nach sieben Jahren sind die beiden noch gl\u00fccklich \u2013 und fr\u00f6hlich. Daf\u00fcr gibt es aber auch eine Zauberformel, erz\u00e4hlt Claudia. \u201eNach der Arbeit immer raus an die frische Luft!\u201c<\/p>\n<p>An der Rezeption liegt ein G\u00e4stebuch. In einem der Eintr\u00e4ge hei\u00dft es: \u201eDem Leben Farbe geben, wie einfach das sein kann, das haben wir hier eindrucksvoll erlebt!\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.hinzundkunzt.de\/die-mit-dem-herzen-sehen\/\"  title=\"Zum originalartikel auf der Internetseite von Hinz&amp;Kunzt\" class=\"download\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.mediathek.jhj.de\/layoutimages\/extern.gif\" alt=\"Externer Link\" width=\"13\" height=\"12\" class=\"img_link\" \/> Zum Originalartikel auf: www.hinzundkunzt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikolai Gram\u00fcsch ist eigentlich ganz normal. Der 18-J\u00e4hrige ist mittelgro\u00df, hat sein braunes Haar nach hinten gegelt und sieht einen freundlich an. Ein ganz normaler Mensch? Ja, nur dass er schwerbehindert ist. Er leidet am Tourette-Syndrom und an ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. 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